Weinheim Kinästhetik

Zwei Mitarbeiterinnen der GRN-Klinik Weinheim üben im Kinästhetik-Workshop den „Transfer von der Bettkante auf den Stuhl“. Foto: GRN Gesundheitszentren Rhein-Neckar

Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen betätigen sich tagtäglich als Gewichtheber. Insbesondere ältere, geschwächte und pflegebedürftige Patienten müssen aufgerichtet, aus dem Bett gehoben und bei zahlreichen alltäglichen Tätigkeiten unterstützt werden. Das belastet den Rücken der Pflegenden und ist oft unangenehm für die Patienten. Aber es geht auch anders: Das Pflegepersonal der GRN-Klinik Weinheim setzt auf das Konzept der „Kinästhetik“ – eine Methode, die den Kraftaufwand für Pflegende reduziert und Patienten in ihren Bewegungen unterstützt.

In 2013 haben 50 Weinheimer Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger der Inneren Medizin sowie der interdisziplinären Intensivstation Workshops besucht, um ihr Kinästhetik-Grundwissen aufzufrischen. Anschließende Befragungen zeigten: Dank wiederholtem Training kommen die Techniken immer häufiger zum Einsatz. „Alle sind sehr motiviert, das Konzept umzusetzen“, so Marie-Luise Schmitz, Pflegedienstleiterin der GRN-Klinik Weinheim. „Es fördert nicht nur die Gesundheit von Patienten und Pflegekräften, sondern auch eine positive Atmosphäre am Krankenbett.“ 2014 will die GRN-Klinik Weinheim ihren Mitarbeitern weitere Kinästhetik-Workshops anbieten.

„Krankenschwestern und -pfleger leiden häufig bereits nach ein paar Jahren im Beruf an Rückenschmerzen. Mit zunehmendem Alter fällt die Arbeit dann immer schwerer“, erklärt die Gesundheits- und Krankenpflegerin Monika Polzius, die als Kinästhetik-Fachberaterin die Workshops leitet. „Wir möchten unserem Pflegeteam daher Techniken an die Hand geben, nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit sich selbst schonend umzugehen.“ Bei Kinästhetik handelt es sich ausdrücklich nicht um besondere Hebe- oder Tragetechniken. Vielmehr soll der Patient durch Berührungsreize, genaue Anleitung und gemeinsames Gewichtsverlagern bewegt und zu eigener Bewegung angeregt werden. Mit der richtigen Technik kann die pflegende Person beispielsweise einen Patienten allein durch Gewichtsverlagerung und Anschieben des Beckens auf die Füße stellen und auf Bett oder Stuhl wieder absetzen. Das ist schonender für den Rücken des Helfers oder der Helferin und auch für Patienten weniger anstrengend oder schmerzhaft.

Gleichzeitig kommt den Patienten selbst eine aktive Rolle zu. Bewegungen, die sie eigenständig ausführen können, werden in die Abläufe integriert und weiter gefördert. So können Patienten selbst bei starker Einschränkung z.B. wieder erlernen, ihre Position im Bett zu verändern oder sich aus einer sitzenden Position hinzulegen. Dabei ist es wichtig, den gesamten Handlungsablauf in möglichst kleine Schritte zu unterteilen und durch Hilfestellungen zu unterstützen. „Die schonende Aktivierung das gesamten Körpers hat einen positiven Einfluss auf den Heilungsprozess, allein schon, weil das aktive Mitwirken Kreislauf und Stoffwechsel anregt, Gelenke und Sehnen mobilisiert“, erklärt Marie-Luise Schmitz.

Nicht zu vernachlässigen ist zudem der psychische Aspekt: Durch eigene Mitarbeit behält der Patient die Kontrolle über seine Bewegung und damit ein gewisses Maß an Selbstbestimmung. „Die häufig bettlägerigen Patienten nehmen ihren Körper und ihre Bewegungen wieder besser wahr, erleben, dass sie in den jeweiligen Situationen mitwirken können, und nehmen sichtlich aktiver am Leben teil“, berichtet Monika Polzius von ihren Erfahrungen. Die langsamen Bewegungen mit deutlich mehr Körperkontakt als in der gängigen Pflegepraxis tragen überdies dazu bei, Stress und Angst abzubauen. Die Rückmeldungen von Seiten der Weinheimer Patienten fallen jedenfalls sehr positiv aus. „Für viele Patienten ist die Kinästhetik eine völlig neuartige Erfahrung, wird aber als sehr angenehm empfunden“, so Polzius. „Mit Kinästhetik gewinnen beide Seiten – Patienten und das Pflegeteam. Wir hoffen daher, mit unseren Fortbildungsangeboten die Kinästhetik nachhaltig im Klinikalltag verankern zu können“, ergänzt Pflegedienstleiterin Schmitz.