Sinsheim Lernstation

GuK-Schülerin Jessika Betz misst einer Patientin den Blutdruck, während ihre Kolleginnen Pilar Grill und Anne-Katrin Rebenklau (r.) die Krankenakte studieren. Foto: GRN Gesundheitszentren Rhein-Neckar

„Den Stationsablauf in seiner Gesamtheit kennen zu lernen, ihn zu organisieren und mit anderen Berufsgruppen zusammen zu arbeiten.“ So formuliert Praxisanleiter Dieter Wolf das Ziel der so genannten Lernstation, in der angehende Gesundheits- und Krankenpfleger und -pflegerinnen der GRN-Klinik Sinsheim „den Ernstfall proben“ – das bedeutet: Vier Schülerinnen und Schüler sind eine Woche lang für vier Patientenzimmer einer Station allein verantwortlich.

Wolf ist gemeinsam mit seiner Kollegin, Praxisanleiterin Anastasia Ihrig, zuständig für die praktische Ausbildung der jungen Leute in der Klinik, während die theoretischen Kenntnisse des drei Jahre dauernden Kurses in Gesundheits- und Krankenpflege (GuK) in der Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH in Wiesloch vermittelt werden. Die Lernstation wird in Sinsheim bereits seit 2012 regelmäßig durchgeführt. „Inzwischen läuft es rund, und die Resonanz ist so positiv, dass weder die Schülerinnen und Schüler, noch die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege diese Art des Wissens- oder vielmehr Erfahrungserwerbs missen möchten“, sagt auch Claire Manuela Baer, Pflegedienstleiterin der GRN-Klinik Sinsheim.

„Normalerweise laufen wir auf der Station mit und führen die Anweisungen der examinierten Pflegekräfte aus“, erklärt Anne-Katrin Rebenklau, GuK-Auszubildende im fünften Semester. Sie hat Mitte Februar an den ersten beiden Tagen der Lernstation die Verantwortung als Schichtleitung übernommen. Für sie heißt das: Sie muss den Tagesablauf für vier Patientenzimmer mit maximal 12 Patienten einer allgemeinchirurgischen Station planen und gleichzeitig die Arbeiten an ihre „Mitarbeiterinnen“ Pilar Grill (fünftes Semester) und Jessika Betz (viertes Semester) verteilen. Pilar übernimmt dabei die Aufgaben einer voll examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerin und Jessika ist Schülerin, wie im richtigen Leben – für sie geht es darum, einen Eindruck davon zu bekommen, was im nächsten Semester auf sie zukommen wird.

Am dritten und vierten Tag tauschen Anne-Katrin und Pilar die Funktionen, und als Dritte kommt eine andere Kollegin aus dem vierten Semester hinzu. Alle vier haben vorher noch nie zusammen gearbeitet, was eine zusätzliche Herausforderung ist – die sie allerdings mühelos meistern: „Sie haben sich erstaunlich schnell in ihre Rollen eingefunden und arbeiten sehr gut zusammen“, lobt Praxisanleiterin Ihrig, die die Gruppe während der Woche begleitet und immer in der Nähe ist, um etwaige Fehler zu korrigieren.

Die Schichtleitung muss den Überblick über die Bedürfnisse der Patienten behalten: Bei der Übergabe der Pflege von der Nacht- zur Frühschicht um 6.00 Uhr wird über besondere Vorkommnisse wie Schmerzen, Übelkeit oder andere Komplikationen berichtet, damit die Patienten am Tag weiter angemessen versorgt werden können. Viele frisch Operierte benötigen Hilfestellung beim Anziehen, neue Patienten müssen aufgenommen, eventuell noch zu Untersuchungen gebracht und für die OP vorbereitet werden. Auch Sonderfälle müssen Anne-Katrin Rebenklau und ihre Mitstreiterinnen bei der Planung berücksichtigen – wenn z.B. eine Prüfung in einem der ihnen zugeteilten Zimmer stattfindet, haben sie in dieser Zeit keinen Zutritt; das bedeutet, sämtliche Routineabläufe (Waschen, Anziehen, Medikamente und Essen Verteilen) müssen vorher erledigt sein. Die Visite mit den Ärzten verschafft den angehenden Pflegekräften weitere Einblicke in den Gesundheitszustand ihrer Schützlinge – auch dies eine neue Erfahrung für beide Seiten, denn GuK-Schülerinnen und Schüler nehmen in der Regel an den täglichen Arztvisiten nicht teil. „Die Ärzte reagieren sehr positiv auf die Lernstation“, sagt Anastasia Ihrig. „Auch sie haben ja ein Interesse daran, dass unser Pflegepersonal gut ausgebildet ist!“

Anne-Katrin, Pilar und Jessika sind froh über ihre Erfahrungen mit der Lernstation: „Wir lernen, Prioritäten zu setzen und Verantwortung zu übernehmen. Außerdem ist unser Verständnis für die examinierten Kolleginnen und Kollegen gestiegen, die immer einen kühlen Kopf behalten müssen, auch wenn es stressig wird.“ Dass sie selbst mittlerweile ebenfalls dazu in der Lage sind, beweisen sie, als eine Patientin sich selbst eine Infusionsnadel aus dem Arm entfernt und blutet – nur ein kleiner Zwischenfall, der jedoch eine Anfängerin durchaus mal aus der Ruhe bringen könnte. Nicht so die drei Lernstation-Verantwortlichen: Zügig, doch in aller Gelassenheit, besorgen sie sich Desinfektionsmittel und Verbandzeug, versorgen die Patientin und setzen anschließend ihre Stations-Routine fort.