Endlich das eigene Leben in Angriff nehmen. Ein Studium verbinden viele mit dem Gefühl der Freiheit. Nicht so z.B. Lucas Söngen: Statt mit seinen Kommilitonen zu lernen, fühlte er sich von ihnen verfolgt. Während andere feierten, traute er sich nicht aus dem Haus. Doch der 35-Jährige stellte sich seiner psychischen Erkrankung. Heute lernt er Goldschmied.

Rund 800.000 Menschen in Deutschland leiden an Schizophrenie. Oft krempelt die Krankheit das Leben komplett um – ohne Vorwarnung. Bei Lucas Söngen kamen Angstzustände und Wahrnehmungsstörungen dazu. „Im Fernsehen liefen Nachrichten, die nur für mich bestimmt waren. Das war schon ziemlich abstrus.“ Irgendwann verließ er nur noch zum Einkaufen das Haus, an Uni war nicht mehr zu denken. Der Umzug vom Dorf in die Stadt, der Stress im Studium und die Ungewissheit vor der Zukunft – das war wohl zu viel. Warum sich daraus eine Schizophrenie entwickelte, weiß Söngen nicht.

Sechs Jahre lang lebte Söngen mit den Symptomen, 2006 wies er sich selbst in eine Klinik ein. Nach einem halben Jahr kamen die Ängste nicht mehr wieder. Söngen wollte endlich arbeiten, doch einen Neuanfang traute er sich nach dieser Pause nicht zu. Seine Ärzte empfahlen ihm deshalb eine Berufsvorbereitung im Beruflichen Trainingszentrum Rhein-Neckar (BTZ) der SRH in Wiesloch. Hier machen sich Menschen nach einer psychischen Erkrankung fit fürs Berufsleben. Ein Team aus Psychologen, Sozialpädagogen und beruflichen Trainern unterstützt sie dabei.

„Ich habe erst verschiedene Arbeitstechniken trainiert, das gab mir Sicherheit. Nach einem Praktikum in einer Goldschmiede wusste ich, was ich lernen will.“ Oft erfolgt so eine Umschulung in einer speziellen Reha-Einrichtung, um die Auszubildenden therapeutisch zu unterstützen. Söngen aber wagte den Sprung auf den freien Arbeitsmarkt. Dafür bietet das BTZ das Konzept der „betreuten betrieblichen Umschulung“ an. Söngen lernt in einem Heidelberger Atelier, bei Fragen sind die Berater des BTZ immer in Reichweite.

Inzwischen ist Söngen im letzten Ausbildungsjahr und die Krankheit ist nicht mehr wiedergekommen. Er pendelt sogar in die Berufsschule nach Pforzheim, die zeitliche Belastung macht ihm nichts aus. „Ich gehe mit einem ganz anderen Gefühl in den Tag. Und wenn es mir mal nicht so gut geht, kann ich mit meiner Chefin offen sprechen.“ Nach der Ausbildung die Medikamente ganz abzusetzen, ist Lucas Söngens großes Ziel. „Ich habe mir gesagt: Nie wieder! Ich tue alles dafür, um Schritt für Schritt ein normales Leben zu führen. Die Ausbildung hilft mir dabei.“

Hintergrund-Info: SRH Berufliches Trainingszentrum

Neue berufliche Perspektiven erhalten Menschen mit psychischen Problemen im Beruflichen Trainingszentrum (BTZ) der SRH in Wiesloch. Individuelle Trainingsprogramme bereiten die Teilnehmer auf die Rückkehr ins Arbeitsleben vor. Psychosoziale Beratung hilft dabei, im Alltag mit der Krankheit umzugehen. Mehr als zwei Drittel der Absolventen gehen erfolgreich in den Beruf oder eine Ausbildung. Gesellschafter des BTZ sind die SRH Holding, eine unabhängige Stiftung mit Sitz in Heidelberg, und die Stadt Wiesloch.

Weitere Informationen:
www.bfw-heidelberg.de
www.srh.de