Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

beim vierten Bürgerforum zur Konversion in der Südstadt ging es emotional zu, so war es in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 24.10.13 zu lesen. Warum aber schlugen die Emotionen so hoch? Nicht zuletzt lag es daran, dass Ideen des in der Stadt parallel laufenden Bürgerbeteiligungsprojekts „Masterplan 100% Klimaschutz“ nicht berücksichtigt wurden. Wir beteiligen uns an beiden Prozessen und kennen die Forderungen für eine klimafreundliche Südstadt, die hier wie dort von vielen Bürgerinnen und Bürgern thematisiert worden sind. Spätestens beim Streitthema Verkehr mussten da die Emotionen hochschlagen. Die aktuell vorgelegten Verkehrsplanungen zeigen: Die Planer haben Etliches begriffen und auch einige Vorschläge berücksichtigt. Aber die Chance zu einem Umsteuern in Sachen Klimaschutz haben sie bisher gründlich vertan.

Die Konversion ist ein anspruchsvolles Großvorhaben von hoher Bedeutung für die künftige Stadtentwicklung. Das Thema Klimaschutz macht daran nur einen kleinen, aber aus unserer Sicht sehr wesentlichen Teil aus. Wir greifen die Verkehrsplanungen heraus, weil diese ganz exemplarisch aufzeigen: Die Konversion wird nicht im Kontext des Masterplans betrachtet, mittels dessen Heidelberg als eine von 19 Modellgemeinden bis zum Jahr 2050 zu einer klimaneutralen Kommune werden soll. Das Planungsgeschehen rund um die Konversion legt vielmehr den Schluss nahe, dass der eine Prozess nichts mit dem anderen zu tun hat.

95 Prozent weniger Treibhausgase bis zum Jahr 2050 gegenüber dem Jahr 1990: ein hochehrgeiziges Ziel! Gut ein Viertel wird durch den Verkehr verursacht. Dieses Einsparpotenzial lässt brachliegen, wer sich vor einem großen Wurf scheut, der im Zuge der Konversion möglich und für den eine Konversionsfläche so ideal wäre: die Einrichtung eines autofreien Quartiers. Ideal deshalb, weil das betroffene Areal ein weißer Fleck auf dem Stadtplan ist, auf dem es weit weniger verkehrstechnische und -planerische Sachzwänge gibt als an anderen Stellen.

Sowohl der deutliche Rückbau der Römerstraße – mit allen flankierenden Maßnahmen, die das erfordert – als auch ein autofreies Wohnen wurden in den Konversionsforen vielfach angeregt. Beides war von Anbeginn ein großes Thema. Die Bürger lieferten frei Haus Ideen, wie sie sich auch im Masterplan finden. Doch gehört wurden sie nicht. Und die Frage eines Bürgers auf dem letzten Forum, inwieweit der Masterplan in die Südstadtplanungen einfließe, wurde von den Planern gar als „Anregung“ bezeichnet, die man aufnehmen wolle. Das ist uns zu wenig!

Die jetzt vorgestellten Planungen hatten einen bereits erstaunlich hohen Detailgrad. Da ging es darum, wie breit die Grünstreifen rechts und links der Römerstraße sein sollen oder darum, ob und an welche Stelle genau die teilweise denkmalgeschützten (!) Sandsteinmauern zu versetzen wären. Dies zeigt, wie intensiv die Planer an den Dingen arbeiten, wie viel Aufwand bereits geleistet wurde und wieviel Geld man bereit ist, auszugeben (Versetzung der Mauer). Anerkennenswert zunächst, nur: Dieselben Kapazitäten hätte man stattdessen für die Entwicklung eines großen Wurfs nutzen können. Einen, der dem Masterplan dient, CO2-Emissionen durch Verkehr reduzieren hilft. Viele Bürger hätte man auf diesem Weg auch emotional besser mitgenommen, und am Ende hätten alle das gute Gefühl gehabt, gemeinsam einen Schritt hin zu einer klimaneutralen Stadt gegangen zu sein, die auch unseren Kindern und Enkeln Lebensqualität bietet.

Die Konversion ganz selbstverständlich in den Dienst des Masterplans zu stellen, fordert allen viel ab: den Planern, den Bürgern, nicht zuletzt der Stadtverwaltung. Das ist uns bewusst. Dennoch: Schade um die vertane Gelegenheit! Wir fragen die Stadt Heidelberg und ihre Planer: Wie sieht eine Stadtentwicklungs-Gelegenheit im Bestand aus, die von den Entscheidern das Prädikat erhält: „Gut für den Masterplan, das setzen wir um“?

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Kaiser, 1. Vorsitzender des BUND Heidelberg