Europa bei Nacht

Foto: NASA GSFC, Wikimedia Commons

EUROCARE-5, die größte europäische Studie zum Überleben nach Krebs, liefert wichtige Richtwerte für die Qualität der Gesundheitssysteme. Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg waren maßgeblich an der Untersuchung beteiligt. In ganz Europa überleben die Patienten ihre Krebsdiagnose länger als noch vor fünf Jahren. Jedoch gibt es erhebliche Unterschiede. Die Ergebnisse für Deutschland liegen in der Spitzengruppe. Insgesamt haben Krebspatienten in Nord-, Mittel- und Südeuropa die höchsten Überlebensraten, Osteuropäer dagegen versterben früher an ihrer Krebserkrankung.

Ein Projekt von gewaltigem Ausmaß: EUROCARE-5 erfasst das Überleben von zehn Millionen Krebspatienten in 29 europäischen Ländern. Die Studie schließt Patienten ein, deren Krebs zwischen 2000 und 2007 diagnostiziert wurde und erfasst Sterbefälle bis 2008. Es beteiligten sich 209 europäische Krebsregister, EUROCARE-5 deckt damit die Hälfte der europäischen erwachsenen Bevölkerung ab und 77 Prozent der europäischen Kinder.

„Mit EUROCARE-5 dokumentieren wir, ob, wie und vor allem wo der Fortschritt in der Krebsmedizin bei der Bevölkerung Europas ankommt“, sagt Prof. Hermann Brenner vom DKFZ. „Eine bevölkerungsbasierte Untersuchung der Krebs-Überlebensraten reflektiert nicht einzelne Ergebnisse der Spitzenmedizin, sondern erfasst, wie leistungsfähig das Gesundheitssystem eines Landes insgesamt ist.“ Hermann Brenner trägt als Epidemiologe mit seiner methodischen Expertise zu diesem Mammutprojekt bei. Mitarbeiter seiner Abteilung entwickelten die mathematischen Methoden zur Datenerfassung für das Projekt. Die Gesamtleitung lag beim italienischen Instituto Superiore di Sanità.

Beim Fünfjahresüberleben gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Krebsarten. Bei Hoden-, Schilddrüsen-, Prostata- und Brustkrebs, Melanomen und Hodgkin-Lymphomen überleben mehr als 80 Prozent der Betroffenen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Dem gegenüber sind weniger als 15 Prozent der Patienten mit Lungen-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch am Leben. Unterschiede beim Krebsüberleben bestehen auch zwischen einzelnen Ländern und Regionen. Menschen in Nord-, Mittel- und Südeuropa überleben länger, Patienten in Osteuropa dagegen (Bulgarien, Slowakei, Polen und Baltikum) versterben früher an ihren Krebserkrankungen. Großbritannien und Irland bilden das Mittelfeld. Die Werte für Deutschland liegen für fast alle Krebsarten in der Spitzengruppe. Auch bei krebskranken Kindern liegt das Fünfjahresüberleben mit 81 Prozent höher als der europäische Durchschnitt (78 Prozent).

Insgesamt steigen im Vergleich zur Vorgängerstudie vor fünf Jahren in ganz Europa die Überlebensraten bei fast allen Krebsarten. Die stärksten Verbesserungen dokumentierten die Forscher für Enddarmkrebs sowie für non-Hodgkin-Lymphome.

Ursachen der unterschiedlichen Überlebensraten

Generell spiegeln Unterschiede im Krebsüberleben die finanziellen Ressourcen wider, die für die Gesundheitsversorgung der Bürger zur Verfügung stehen. Besonders offensichtlich ist dieser Zusammenhang für die osteuropäischen Länder. Hier fallen die dramatisch schlechteren Überlebensraten von krebskranken Kindern und von Lymphompatienten auf – ein starkes Indiz für eine Unterversorgung mit wirksamen Krebsmedikamenten.

Jedoch bestehen auch zwischen Ländern mit vergleichbarem Gesundheitsbudget deutliche Unterschiede. Bei einzelnen Krebsarten (z.B. non-Hodgkin-Lymphomen, Enddarmkrebs) könnte der Grund dafür in verbesserten neuen Behandlungen liegen, die noch nicht in jedem Land verbreitet sind. Auch unterschiedliche sozioökonomische Bedingungen sowie Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Übergewicht können einen Einfluss auf die Überlebensraten haben. Ebenfalls eine Rolle spielen Unterschiede in den Früherkennungsangeboten.

„Trotz erfreulicher Trends zeigt diese europaweite Studie, dass nach wie vor noch großes Potenzial für eine weitere Verbesserung der Krebsüberlebensraten besteht“, erklärt Brenner. „Hierzu können neben verbesserten Versorgungsstrukturen insbesondere verbesserte Früherkennungsprogramme entscheidend beitragen.“