Der Heidelberger Passivhaus-Stadtteil Bahnstadt hat den Praxistest bestanden: Wie aus einem Bericht über aktuelle Messungen hervorgeht, wurden die angestrebten Werte bezüglich der Energieeffizienz voll erfüllt. Der mittlere Verbrauch in 1.260 Wohnungen mit insgesamt mehr als 75.000 m² Wohnfläche lag 2014 demnach bei 14,9 kWh/(m²a). Im Vergleich zu herkömmlichen Neubauten wurden Einsparungen von etwa 80 Prozent erreicht. Die statistisch hohe Zahl von Wohngebäuden unterschiedlicher Bauträger und Architekten zeigt überzeugend, dass die Breitenumsetzung des Passivhaus-Standards erfolgreich möglich ist. Der vollständige Bericht ist ab sofort online verfügbar.

„Die Auswertung der Verbrauchsdaten belegt, dass die Bemühungen der Stadt Heidelberg, mit zukunftsweisenden Vorgaben und einer entsprechenden Qualitätssicherung einen ganzen Stadtteil energetisch hochwertig zu gestalten, voll aufgegangen sind”, sagt Søren Peper vom Passivhaus Institut, der das Monitoring geleitet hat. Die Messungen erfolgten auf der Basis von monatlichen Zählerablesungen für den gesamten Wärmeverbrauch mehrerer Baufelder mit jeweils über hundert Wohnungen – der dabei im Mittel gemessene Heizwärmeverbrauch lag unterhalb des Passivhaus-Grenzwerts von 15 kWh/(m²a).

Verbrauchsdaten zeigten hohe Übereinstimmungen mit vorab erstellten Bedarfsberechnungen

Im Gegensatz zum Verbrauch wird der Heizwärmebedarf eines Gebäudes rechnerisch ermittelt – der tatsächliche Verbrauch hängt von zusätzlichen Einflüssen ab, wie etwa dem Nutzerverhalten und dem Wetter. Bei der vorliegenden Untersuchung ist zu berücksichtigen, dass es sich überwiegend um Messungen aus dem ersten Betriebsjahr handelt, in dem der Verbrauch wegen Einzugsarbeiten sowie der erforderlichen Einregulierung erfahrungsgemäß über den späteren Werten liegt. Doch auch mit diesen energetisch nachteiligen Einflüssen funktionieren die Passivhäuser der Bahnstadt bereits einwandfrei – die Verbrauchsdaten zeigten durchweg hohe Übereinstimmungen mit den vorab erstellten Bedarfsberechnungen mit dem Passivhaus-Projektierungspaket (PHPP).

„Das Monitoring in Heidelberg belegt nicht nur die Zuverlässigkeit einer Berechnung mit dem Planungstool PHPP”, sagt Prof. Dr. Wolfgang Feist, Leiter des Passivhaus Instituts. „Die geringen Abweichungen zwischen der rechnerischen Bilanz und den realen Messwerten zeigen, dass der Passivhaus-Standard nachweislich und reproduzierbar zu einer sehr hohen Einsparung von Heizenergie und damit natürlich auch von Kosten führt. Der heute so oft beklagte ‚Performance Gap‘, also eine Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, existiert beim Passivhaus-Standard nicht.” Weitere Beispiele von Verbrauchsmessungen in anderen Passivhaus-Siedlungen sind in einem Fachbeitrag auf der Online-Plattform Passipedia zusammengestellt.

Bahnstadt ist derzeit das bedeutendste Passivhaus-Projekt

Von den Dimensionen her ist die Bahnstadt das derzeit wohl bedeutendste Passivhaus-Projekt: Auf dem Gelände eines früheren Güterbahnhofs entsteht ein ganzer Stadtteil komplett im Passivhaus-Standard – auf 116 Hektar wächst eine lebendige Mischung aus Wohnen und Arbeiten heran. Hunderte Heidelberger haben in der Bahnstadt bereits ihr neues Zuhause gefunden. Mehrere Bürogebäude und Institute sind eröffnet, ebenso eine Kindertagesstätte. Eine Schule, Einkaufsmärkte, ein Bürgerzentrum und ein Großkino sind in Vorbereitung. Wenn alles fertig ist, werden bis zu 12.000 Menschen in dem neuen Stadtteil leben und arbeiten. In 2014 wurde das zukunftsweisende Projekt mit dem Passive House Award ausgezeichnet (ecoGuide berichtete).