Heidelberg Universitätskinderklinik

Die Universitätskinderklinik Heidelberg. Foto: PVH Heidelberg

Ein gängiges Anti-Virus-Medikament kann nierentransplantierte Kinder vor Krebs schützen. Dies hat eine Studie unter Federführung von Heidelberger Wissenschaftlern am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin gezeigt. Mehr als die Hälfte der Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, konnte verhindert werden. Etwa 25 Prozent der Spenderorgane sind mit EBV infiziert; zehn Prozent der Infizierten entwickeln Lymphdrüsenkrebs. Für ihre Studie erhielten die Kinderärzte den Johannes Brodehl-Preis der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie.

Rund 25 Prozent der Kinder, die eine Spenderniere erhalten, werden durch das neue Organ mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert. Die Infektion kann bei ihnen Lymphdrüsenkrebs verursachen. Dr. Britta Höcker und Prof. Dr. Burkhard Tönshoff vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg haben jetzt gezeigt: Das gängige Anti-Viren-Medikament Ganciclovir kann die Infektion bei rund der Hälfte der mit einer EBV-positiven Niere transplantierten Kinder verhindern.

Die Heidelberger Kinderärzte untersuchten in der bisher größten Studie zur EBV-Infektion mit 106 nierentransplantierten Kindern und Jugendlichen, wie sich der Verlauf der Infektion auf das Krebsrisiko auswirkt. Dafür wurden Höcker und Tönshoff mit dem Johannes Brodehl-Preis der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie ausgezeichnet. Der Preis ist mit 8.000 Euro dotiert. Die multizentrische Studie der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie (GPN), an der sich acht deutsche Transplantationszentren beteiligten, wurde in Heidelberg koordiniert.

Virus-Infektion über Spenderniere

Weltweit sind beinahe alle Erwachsenen mit dem Herpesvirus EBV infiziert. Die Infektion findet meist schon im Kindesalter statt und verläuft häufig ohne oder mit milden Symptomen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann sie das Pfeiffer-Drüsenfieber mit grippeähnlichen Symptomen hervorrufen. Das Virus verbleibt lebenslang im Körper, verursacht aber für gewöhnlich keine Beschwerden mehr. Eine Impfung gibt es noch nicht.

Unmittelbar nach einer Organtransplantation wird das Immunsystem des Patienten zum Schutz des neuen Organs etwas unterdrückt. „Gerade jüngere Kinder sind häufig noch nicht mit EBV in Kontakt gekommen. Die Spenderorgane stammen aber in der Regel von Erwachsenen, die fast alle EBV-positiv sind“, erklärt Dr. Höcker, Nierenspezialistin am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin. „Die Kinder werden durch das neue Organ mit EBV infiziert.“ Bei bis zu zehn Prozent kommt es dadurch zu bösartigen Veränderungen bestimmter Blutzellen, der Lymphozyten. Der Fachbegriff für diese Krebsart lautet „Posttransplantation-lymphoproliferative Erkrankung (PTLD)“. Welche Kinder besonders gefährdet sind, ist noch weitgehend unbekannt.

Die Virenmenge im Blut liefert – anders als bisher angenommen – keinen Hinweis darauf, ob sich aus der EBV-Infektion eine PTLD entwickelt. Dr. Höcker und Prof. Tönshoff stellten in der Studie keinen Zusammenhang zwischen Virenmenge, der Ausprägung von Symptomen und Krebsrisiko fest. „An manchen Zentren ist es Praxis, allein schon bei einer anhaltenden EBV-Konzentration im Blut die Unterdrückung des Immunsystems deutlich zurückzufahren, damit der Körper die Viren bekämpfen kann. Das kann das Spenderorgan gefährden“, sagt Prof. Tönshoff, Leiter des pädiatrischen Nierentransplantationsprogramms und stellvertretender Ärztlicher Direktor der Klinik Kinderheilkunde I des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin. „Aufgrund unserer Ergebnisse raten wir von diesem Vorgehen ab, es bringt wahrscheinlich keine Vorteile für die Patienten.“

Schutz vor EBV-Infektion schützt auch vor Lymphdrüsenkrebs

„Um Lymphdrüsenkrebs vorzubeugen, muss seine Ursache, also die EBV-Infektion, verhindert oder eingedämmt werden“, so Tönshoff. Dazu kann ein gängiges Medikament gegen Viren beitragen. 20 Patienten der Studie, die zum Zeitpunkt der Transplantation nicht infiziert waren und eine EBV-positive Spenderniere erhielten, wurden mit einer Viren-Prophylaxe behandelt. Das Medikament Ganciclovir verhinderte bei elf Kindern die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus. Bei neun Kindern vermehrten sich die Viren nur wenig. Dieses Ergebnis passt zu Daten einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2005. Diese zeigte, dass die Durchführung einer Viren-Prophylaxe das Auftreten von Lymphdrüsenkrebs nach Nierentransplantation um 83 Prozent verringern kann. „Wir empfehlen daher bei allen Risikopatienten eine Viren-Prophylaxe“, sagt Höcker. „Es wäre zudem sinnvoll, die Medikamente weiterzuentwickeln, um den Schutz vor EBV noch zu verbessern.“