Die Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg hat erstmals in Deutschland eine neue Prothese eingesetzt, die einen wesentlichen Fortschritt für die Behandlung der gefährlichen Aussackung der Hauptschlagader (Aorta), des sogenannten Bauchaorten-Aneurysmas, bedeuten könnte: Die Prothese, die schonend über die Leiste eingebracht wird, „versiegelt“ die Gefäßwand komplett. Dadurch werden der gefürchtete Einriss des Blutgefäßes sowie kleine Blutungen in die Schlagader verhindert, wie erste Erfahrungen mit der Prothese im Ausland bereits gezeigt haben.

„Wir haben am 3. Februar bei zwei Patienten, die ein großes Aneurysma der Bauchschlagader hatten, die neue Prothese erfolgreich eingesetzt“, berichtet Prof. Dr. Dittmar Böckler, Ärztlicher Direktor der Heidelberger Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie. Beide Patienten haben den Eingriff gut überstanden. Die Heidelberger Chirurgen konnten dabei auf die positiven Ergebnisse von rund 50 Implantationen der neuen Prothese an zwei Gefäßzentren in Neuseeland und Litauen bauen. Die Heidelberger Klinik nimmt nun als eine von 20 Kliniken weltweit an einer klinischen Studie teil, die Effektivität und Risiken der neuen Prothese klären soll.

„Bei den Gefäßendoprothesen, die bislang eingesetzt werden, sind wir mit den Ergebnissen unmittelbar nach dem Eingriff in der Regel sehr zufrieden. Im weiteren Verlauf gibt es aber einige gravierende Risiken“, so Prof. Böckler. Im Lauf der Zeit können die Endoprothesen verrutschen bzw. das Aneurysma kann über Seitenäste erneut durchblutet werden, die Aorta kann sogar einreißen. Deswegen müssen die Patienten lebenslang beobachtet werden, bei rund 18 Prozent der Patienten sind erneute Eingriffe erforderlich.

„Prothese sitzt fest und kann nicht verrutschen“

Gefäßprothese

Der Wirkmechanismus der neuen Gefäßprothese: Über die linke und rechte Leistenarterie wird jeweils ein Katheter unter Röntgenkontrolle in den Bereich des Bauchaorten-Aneurysmas vorgeschoben (l.). Über die beiden Katheter werden die Prothesen, die aus zwei flexiblen Gefäßrohren bestehen, im Aneurysma platziert (M.). Rund um die beiden Stents, die zukünftig den Blutfluss ermöglichen, wird in einen Kunststoffsack eine Masse gespritzt, die aushärtet und das Volumen des Aneurysmas komplett versiegelt (r.). Dadurch sitzt die Prothese im Gefäß fest und kann nicht verrutschen. Grafik: Universitätsklinikum Heidelberg

Die neue Nellix-Prothese der US-Firma Endologix soll nun diese Nachteile überwinden. Sie besteht aus zwei flexiblen Gefäßrohren (Stents aus Polyester und Maschendraht), die mit jeweils einem Katheter unter Röntgenkontrolle über die rechte und linke Leistenarterie in den Bereich des Aneurysmas vorgeschoben werden und den Blutfluss in die Beinarterien offenhalten. Die beiden Stents sind von einem Kunststoffsack umgeben, in den Kunststoffmasse (Polymer) gespritzt wird, so dass er sich aufbläht und das Volumen der Aorta bzw. des Aneurysmas durch den sich aushärtenden Kunststoff komplett versiegelt wird. „Dadurch sitzt die Prothese im Gefäß fest und kann nicht verrutschen“, erklärt Prof. Böckler.

Aneurysmen können entstehen, wenn die Gefäßwand geschwächt ist, z.B. bei  Arteriosklerose durch Bluthochdruck, Diabetes oder bei Bindegewebserkrankungen. Eine familiäre Häufung wird ebenfalls beobachtet. Auch Verletzungen oder Entzündungen können eine Aussackung verursachen.

Rund 5 Prozent der Männer über 65 Jahre sind betroffen

Aorten-Aneurysmen finden sich vor allem bei älteren Menschen, bleiben aber oft lange Zeit unbemerkt, da sie keine oder kaum Beschwerden – meist unklare Bauch- und Rückenschmerzen – verursachen. Rund 1,7 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer über 65 Jahren haben Ausweitungen der Bauchaorta von mindestens drei Zentimetern Durchmesser. Ab fünf Zentimeter ist das Risiko einer Ruptur beträchtlich. Platzt das Gefäß, ist die Sterblichkeit sehr hoch. Daher wird ab diesem Durchmesser den betroffenen älteren Menschen ein Eingriff empfohlen.

„Wir hoffen, dass wir mit der neuen Endoprothese gerade älteren Patienten helfen können, bei denen ein Eingriff bislang zu riskant gewesen wäre“, sagt Prof. Böckler. „Folgeeingriffe werden dadurch zukünftig für unsere Patienten vermieden.“