In der Medizin und Pflege entstehen immer wieder Situationen, in denen Menschen an ihre ethischen Grenzen stoßen: Wie lange soll ein nicht heilbarer Komapatient künstlich am Leben erhalten werden? Soll man einer Therapie zustimmen, die zwar Leben aber auch Leiden verlängert? Soll man sich einer Krebstherapie mit all ihren Nebenwirkungen unterziehen, auch wenn sie das Leben wahrscheinlich nur um eine kurze Zeit verlängert? Diesen Fragen müssen sich sowohl Patienten und Angehörige wie auch die Mitarbeiter im Heidelberger St. Josefskrankenhaus stellen. Dabei stoßen häufig gesellschaftliche Werte, Rechtssprechung und eigene Überzeugungen aufeinander – was die Entscheidungsfindung nicht einfach macht. Aus diesem Grund wurde am St. Josefskrankenhaus in Heidelberg nun ein 14köpfiges Ethikkomitee gegründet, das sich diesen Fragen stellen und grundsätzliche Entscheidungen zur bestmöglichen Behandlung der Patienten finden will.

Thomas Grün, Seelsorger und Ethikberater an der Klinik sowie Vorsitzender des Komitees, erklärt: „Das medizinisch Mögliche ist nicht immer das, was für einen Menschen sinnvoll und wünschenswert ist. Wir versuchen nun im Ethikkomitee anhand konkreter Fallbesprechungen das Sinnvolle mit dem Möglichen zu verbinden, wenn also Behandlungsdilemmata auftreten, die bestmögliche Entscheidung für den Menschen in der konkreten Situation zu treffen”. Dazu tagt das Ethikkomitee, in dem Ärzte, Pflegekräfte, Verwaltungsmitarbeiter und Seelsorger vertreten sind, in regelmäßigen Abständen und widmet sich konkreten Fällen aus dem Klinikalltag. „Angesprochen sind Patienten, deren Angehörige aber auch Krankenhaus-Mitarbeiter”, so Grün: „Jeder kann uns ansprechen, wenn sich in der medizinischen oder pflegerischen Versorgung moralische Probleme ergeben.” Dabei sei es manchmal gar nicht wichtig, die Probleme konkret benennen zu können: „Mir reicht es schon, wenn jemand sagt, er habe kein gutes Gefühl mit der Behandlung. Dann werden wir tätig”, erläutert der Theologe.

Am Ende steht nur selten eine perfekte Lösung, denn meist geht es um Leben und Tod, um Schmerz und Leid, um Verlust und Trauer. Dem Patientenwillen entsprechen, dabei Gesetz und Berufsethos achten und den Angehörigen gerecht werden, das funktioniert nur im Zusammenspiel aller Beteiligten. „In einer intensiven Diskussion bringen wir alle Meinungen und Perspektiven auf den Tisch, um am Ende möglichst eine Lösung zu entwickeln, die von allen mitgetragen werden kann – auch, wenn das nicht immer einfach ist”, sagt Thomas Grün.