Keine Frage, schon immer lebten Menschen in der Stadt, die sich nach mehr Grün in ihrem Umfeld sehnten. Sie haben ihren Balkon oder Hof bis auf den letzten Winkel bepflanzt. Der neue Trend zum Garten hat nun auch Menschen erfasst, die bis vor Kurzem ausgesprochen zufrieden damit waren, in fußläufiger Entfernung zu Kino und Kneipe zu wohnen, ihr Gemüse aus dem Bioladen oder Supermarkt zu holen und sich nicht die Hände mit Erde schmutzig zu machen. Mitten in der Stadt leben wollen sie weiterhin, aber sie möchten neue, andere Erfahrungen machen.

Die Anlage und Pflege eines Gartens ist sinnlich und befriedigt die Sehnsucht vieler Menschen nach Entschleunigung des Alltags. Wer den ganzen Tag mit abstrakten Vorgängen am Rechner gesessen hat, empfindet es als wohltuend, beim Gärtnern mit konkreten Dingen zu tun zu haben. Anders als im virtuellen Leben sind im Garten Prozesse im wahrsten Sinne des Wortes direkt „erfassbar“. Was für unsere Vorfahren noch eine alltägliche Sache war – der Biss ins selbstgezogene Radieschen, gerät für manch einen neuen Stadtgärtner zu einer atemberaubenden Offenbarung. Und wer keinen Garten besitzt, kann auf Brachen oder Töpfe, Kübel und Sonstiges ausweichen – der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Ob die ersten Versuche freilich immer erfolgreich sind – das ist ein ganz anderes Thema. Das wissen auch die neuen Stadtgärtner, die sich das Träumen aber nicht nehmen lassen. Ihnen geht es auch darum, Zeichen zu setzen und neue Wege zu erproben. Die Idee der regionalen Lebensmittelproduktion und eine größere Wertschätzung der Lebensmittelherstellung stehen dafür Pate. Dazu gehört auch die Kritik an der ökologischen und der sozialen Seite der profitorientierten Produktionsbedingungen. Die Ertragseffizienz ist dabei nicht das allererste Ziel. Das gemeinschaftliche Handeln, die Wiederentdeckung alter Kulturtechniken und der Erhalt traditioneller Sorten sind ebenso wichtig wie der Spaß, an der frischen Luft zu hantieren.

In der Stadtbücherei in Heppenheim (Graf-von-Galen-Straße 12) wird der Biologe Franz Kehm, Initiator der Heppenheimer Initiative „Artenvielfalt in der Altstadt“, von den diesjährigen Erfahrungen berichten und Bilder zeigen. Interessierte sind eingeladen zu der kostenlosen Veranstaltung am Mittwoch, 30. Oktober 2013 (19.30 Uhr).